Die Unveränderlichkeit anderer Menschen: Ein positives Licht

Lilith Biedermann

8/11/20266 min read

a large group of people standing in a large room
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Warum wir andere Menschen nicht verändern können

08/10/2026 Lesezeit: ca. 6 Minuten
Lilith Biedermann

Kennst du das? Du wünschst dir, dass dein Partner endlich öfter aufräumt, dass ein Kollege pünktlicher wird, dass ein Familienmitglied gesünder lebt. Du redest, erklärst, appellierst – manchmal über Jahre hinweg. Und am Ende ändert sich: nichts. Oder nur für ein paar Tage, bevor alles wieder beim Alten ist.

Diese Erfahrung ist fast universell. Fast jeder Mensch hat schon einmal versucht, jemand anderen zu einem anderen Verhalten zu bewegen – und ist damit gescheitert. Die eigentlich interessante Frage lautet dabei gar nicht: "Wie mache ich es beim nächsten Mal besser?" Sondern: "Liegt es überhaupt in meiner Macht, das zu entscheiden?"

Liegt es in unserer Macht, das zu entscheiden?

Der amerikanische Psychiater William Glasser unterschied in seiner Kontrolltheorie zwischen zwei Kategorien von Dingen: solchen, die in unserer Macht stehen, und solchen, die es nicht tun. In unserer Macht liegen unsere eigenen Gedanken, Reaktionen und Entscheidungen. Nicht in unserer Macht liegen äußere Umstände – und vor allem die Entscheidungen anderer Menschen.

Diese einfache Unterscheidung trifft den Kern des Problems. Ob ein anderer Mensch sein Verhalten ändert, hängt nicht von unserer Überzeugungskraft ab, sondern von etwas, das wir gar nicht steuern können: seinen eigenen inneren Prozessen, seiner eigenen Bereitschaft, seinem eigenen Zeitpunkt. Auch aus psychologischer Sicht gilt: Verhalten verändert sich dauerhaft fast ausschließlich dann, wenn der Antrieb dazu von innen kommt – nicht, weil jemand von außen lange genug darauf gedrängt hat. Druck kann kurzfristig Verhalten erzwingen. Aber er erzeugt selten echte Veränderung, sondern meistens nur Anpassung auf Zeit – und häufig Widerstand.

Die ehrliche Antwort auf die Ausgangsfrage lautet also: Nein. Es liegt nicht in unserer Macht, darüber zu entscheiden. Das ist zunächst unbequem. Aber es ist auch der erste Schritt zu etwas Wichtigerem: einer realistischeren, entspannteren Art, mit anderen Menschen umzugehen.

Zwei Menschen, zwei eigene "Filme"

Ein Bild hilft oft mehr als jede Erklärung: Stell dir vor, jeder Mensch läuft mit einem eigenen inneren Film durchs Leben. In diesem Film hat alles seine eigene Logik – geprägt von der eigenen Geschichte, den eigenen Erfahrungen, Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen. Was für dich völlig offensichtlich ist ("Man räumt doch nach dem Kochen sofort auf"), ist im Film des anderen vielleicht überhaupt nicht verankert – dort gilt vielleicht: "Man entspannt sich erstmal, bevor man aufräumt" oder "Unordnung stört mich einfach nicht so wie dich."

Zwei Menschen, zwei Filme – und beide sind in sich vollkommen schlüssig. Das Problem entsteht, wenn wir unbewusst davon ausgehen, dass der andere in unserem Film mitspielt, statt in seinem eigenen. Wir erwarten, dass unsere Logik auch seine Logik ist. Wenn sie es nicht ist, interpretieren wir das schnell als Widerstand, Ignoranz oder mangelnde Rücksicht – dabei folgt der andere schlicht einem anderen Drehbuch, das für ihn genauso stimmig ist wie unseres für uns.

Diese Erkenntnis verändert den Blick auf viele Konflikte. Es geht nicht darum, wer "recht" hat. Es geht darum, dass zwei subjektive Wirklichkeiten aufeinandertreffen – mit unterschiedlichen Erwartungen, unterschiedlichen Bedürfnissen und unterschiedlichen Vorstellungen davon, was "normal" oder "richtig" ist. Kein Film ist automatisch der wahrere.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Lisa und Daniel sind seit Jahren ein Paar. Nach einem anstrengenden Arbeitstag zieht sich Daniel zurück – er sagt wenig, will erstmal seine Ruhe, bevor er wieder ansprechbar ist. In Lisas Film bedeutet Nähe: reden, sich austauschen, den Tag gemeinsam verarbeiten. Wenn Daniel schweigt, liest sie das als Rückzug aus der Beziehung, manchmal sogar als Desinteresse. Also fragt sie nach, hakt nach, will ihn "aus der Reserve locken" – in der Hoffnung, dass er sich dadurch öffnet.

In Daniels Film bedeutet Ruhe das genaue Gegenteil von Ablehnung: Er verarbeitet Stress, indem er kurz für sich ist. Je mehr Lisa nachfragt, desto mehr zieht er sich zurück: Der Druck, sofort reden zu müssen, bedeutet für ihn das Gegenteil von Entspannung. Beide reagieren aus ihrem eigenen Film heraus völlig nachvollziehbar – und geraten trotzdem immer wieder aneinander. Der Paarforscher John Gottman beschreibt genau dieses Muster als "Fordern-Rückzug-Dynamik": Eine Person drängt auf Nähe, die andere zieht sich zurück, was das Verlangen nach Nähe bei der ersten Person nur verstärkt – ein Kreislauf, der sich von selbst am Laufen hält.

Die Freiheit des anderen

Wenn jeder Mensch seinen eigenen Film lebt, folgt daraus etwas Grundlegendes: Der andere ist der Autor seines eigenen Films – nicht wir. Zu verlangen, dass er sein Drehbuch nach unseren Vorstellungen umschreibt, bedeutet letztlich, seine Freiheit infrage zu stellen. Nicht, weil das böswillig gemeint wäre – meistens ist es aus Sorge oder Liebe heraus –, sondern weil es strukturell dasselbe Problem hat: Eine Veränderung, die von außen verlangt wird, hört auf, eine freie Entscheidung zu sein.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Bedürfnisse verschweigen oder alles hinnehmen müssen. Es bedeutet nur: Wir dürfen unsere Sicht mitteilen, unsere Wünsche äußern, unsere Grenzen setzen – aber die Entscheidung, was der andere daraus macht, bleibt bei ihm. Diese Freiheit zu respektieren ist kein Verzicht, sondern eine Form von Achtung. Sie erkennt an, dass der andere ein eigenständiger Mensch ist, kein Nebendarsteller in unserem Film.

Würde Lisa versuchen, Daniel mit noch mehr Nachdruck zum Reden zu bewegen, würde sie genau das untergraben, was ihm eigentlich hilft: seine eigene Art, mit Stress umzugehen. Sein Rückzug ist kein Angriff auf die Beziehung, sondern sein persönlicher Weg, wieder bei sich anzukommen – und dieser Weg gehört ihm, nicht ihr.

Konzentration auf das eigene Verhalten – nicht auf das des anderen

Wenn wir den Film des anderen nicht umschreiben können, bleibt eine Frage, die tatsächlich in unserer Macht liegt: Wie gestalten wir unseren eigenen?

Das ist keine Ausrede, um sich zurückzuziehen. Diese Sichtweise ist der eigentliche Hebel. Statt Energie in den Versuch zu stecken, jemand anderen zu verändern, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo tatsächlich etwas passiert:

  1. Die eigene Reaktion. Wie reagiere ich auf ein Verhalten, das mich stört – und wie möchte ich reagieren?

  2. Klare Kommunikation. Bedürfnisse als solche äußern ("Mir ist wichtig, dass...") statt als Appell an das Verhalten des anderen.

  3. Grenzen statt Kontrolle. Eine Grenze beschreibt, was ich selbst tue, wenn etwas eintritt – nicht, was der andere zu tun hat.

  4. Akzeptanz, die nicht gleich Zustimmung ist. Etwas zu akzeptieren heißt nicht, es gut zu finden. Es heißt, anzuerkennen, dass es gerade so ist – und auf dieser Basis bewusst zu entscheiden, wie ich damit umgehe.

Zurück zu Lisa und Daniel: Für Lisa könnte das heißen, Daniel nach einem stressigen Tag erstmal Raum zu geben, statt nachzuhaken – und ihr Bedürfnis stattdessen klar zu benennen, zum Beispiel: "Mir ist wichtig, dass wir später noch kurz reden, wenn du bereit dazu bist." Für Daniel könnte es heißen, sein Schweigen kurz einzuordnen, damit Lisa es nicht als Ablehnung deuten muss: "Ich brauche jetzt erstmal Ruhe, aber später erzähle ich dir gerne, was los war." Keiner von beiden versucht mehr, den Film des anderen umzuschreiben – beide gestalten nur ihren eigenen neu. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Konflikt, der sich wiederholt, und einem, der sich auflöst.

Das ist die gute Nachricht in dieser ganzen Geschichte: Sobald wir aufhören, den Film eines anderen Menschen umschreiben zu wollen, gewinnen wir enorm viel eigene Energie zurück – Energie, die wir vorher in einen aussichtslosen Kampf gesteckt haben. Und paradoxerweise entsteht dadurch oft mehr Nähe, nicht weniger. Menschen, die sich nicht ständig korrigiert oder unter Druck gesetzt fühlen, öffnen sich eher – manchmal verändern sie sich sogar, einfach weil der Druck wegfällt.

Fazit

Wir können den Film eines anderen Menschen nicht umschreiben. Wir können nicht einmal alle Details darin verstehen. Aber wir können mit voller Aufmerksamkeit unseren eigenen gestalten – klar in dem, was wir sagen, konsequent in dem, was wir tun, und ehrlich in dem, was wir bereit sind mitzutragen. Das ist weniger, als wir uns manchmal wünschen. Aber es ist alles, was wirklich in unserer Macht steht – und es ist mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Bei Lisa und Daniel – wie bei den meisten Paaren, Familien oder Kollegen – liegt der Unterschied selten in großen Gesten. Er liegt in der kleinen, aber entscheidenden Verschiebung von "Wie bringe ich den anderen dazu, sich zu ändern?" zu "Was kann ich an meinem eigenen Verhalten gestalten?". Diese Frage lässt sich jeden Tag neu stellen – in jeder Beziehung, die dir wichtig ist. Und sie ist die einzige Frage, auf die du wirklich eine Antwort hast.

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